Die Geschichte von den Kaiserkirschen

oder: Irgendwann kommt alles hoch

Ich muss so 12 oder 13 Jahre alt gewesen sein, als das Unheil in Form von Kirschen über mich gekommen ist. Zu dieser Zeit wohnten wir in einem kleinen Reihenhäuschen in Wesseling, einer Kleinstadt zwischen Köln und Bonn. Unser Häuschen war in einen Hang gebaut, sodass sich das Erdgeschoss auf Strassenebene befand und der Kellerausgang ebenerdig mit unserem Garten abschloss. Ich glaube, sowas nennt man Hochparterre. In unserem Garten konnte man wunderbar rumtoben, ich hatte ein eigenes großes Zimmer zum Spielen, und in unserer Siedlung gab es viele Kinder meines Alters. Alles war eigentlich wunderbar, wenn da nicht diese verdammten Kaiserkirchen aufgetaucht wären, die unseren Hausfrieden massiv gestört haben. Meine Eltern sind zu dieser Zeit einmal in der Woche zu einem Großeinkauf in die Metro gefahren und kamen immer mit Bergen des leckersten Zeugs wieder zurück. Einmal war auch eine große 5 Liter Dose dabei, auf der Kirschen abgebildet waren. Ich hab mich nicht sonderlich dafür interessiert, weil mich Kirschen nicht so vom Hocker hauen. Als es die Dinger aber das erste Mal zum Nachtisch gab, war es um mich geschehen. Mmmmh, das war superlecker. Diese Kirschen waren etwas ganz besonderes. Die schmeckten nicht nur einfach nach Kirschen. Nein! Die hatten auch noch ein leichtes Marzipanaroma. Mmmh, ich liebe Marzipan. Also, kurz gesagt: Ich hätte mich in die Dinger reinsetzen können. Kaiserkirschen, davon hatte ich noch nie gehört, und ich wurde nicht müde, meiner Ma zu berichten wie lecker mir diese schmecken. Meine Ma, in dem guten Glauben mir eine Freude zu machen, stellte nun fast täglich Kaiserkirschen auf den Tisch. In der ersten Zeit war ich darüber hocherfreut, aber meine Begeisterung ebbte nach drei oder vier Wochen langsam aber spürbar ab. Aber, anstatt meiner Ma zu sagen, dass ich die Kirschen nicht mehr mag, hab ich sie mir weiter reingequält, bis ich sie nicht einmal mehr riechen konnte. Allein die Vorstellung von Kaiserkirschen hat Ekel in mir erzeugt. Ich weiß immer noch nicht genau, warum ich mich nicht getraut habe, die Wahrheit zu sagen, aber ich vermute, dass es daran gelegen hat, dass mein Geschmack zu dieser Zeit ständig gewechselt hat. Fest stand in jedem Fall, dass ich keine einzige Kirsche mehr herunter bekommen habe. Nun saß ich da in meiner Zwickmühle. Essen konnte ich sie nicht und sagen wollte ich es auch nicht. In meiner Verzweiflung hab ich nach einem Notausgang gesucht und meinte den auch gefunden zu haben. Das ganze funktionierte folgendermaßen: Mein Dad kam jeden Tag um 13:00 Uhr aus der Firma zum Essen nach Hause und hat sich nach dem Essen mit meiner Ma für ein kurzes Mittagsschläfchen ins Wohnzimmer zurückgezogen. Meine Chance bestand nun darin, mein Mittagessen zu verzögern und so langsam zu essen, dass meine Eltern mit dem gesamten Essen fertig sein würden, bevor ich beim Nachtisch angelangt war. Puh, das war ganz schön anstrengend, aber ich habe es hinbekommen. Als meine Eltern sich hingelegt hatten, habe ich die Kirschen in Küchenkrepp gepackt und im Klo versenkt. Geschafft! Irgendwo in meinem Hinterkopf klingelte zwar eine Alarmglocke und mein Gewissen hat auch ein wenig gezuckt - man darf doch keine Lebensmittel wegschmeißen -, aber das war mir in diesem Moment ziemlich egal. Endlich keine Kaiserkirschen mehr. Oh Mann, wie kann man nur so blöd sein! Ich war wirklich der Meinung, dass ich die Lösung gefunden hätte, und habe die Kaiserkirschen von nun an immer im Klo versenkt. Das ging auch bis zu dem Tag gut, an dem meine Ma sagte, dass ihr aufgefallen wäre, dass bei mir keine Kirchkerne übrig bleiben würden und fragte, was ich denn mit Kernen machen würde? Oh Mann! Ertappt! Ich glaube ich bin puterrot geworden. Was tun? In meinem Kopf raste es. Schnell, schnell eine vernünftige Antwort! Aber wo soll man eine vernünftige Antwort herholen, wo es außer der Wahrheit keine gibt? Also hab ich dahergestammelt, dass ich die Kerne einfach mitessen würde. Meine Ma hat mich großen Augen angestarrt, wissend mit dem Kopf geschüttelt, sich ihren Teil gedacht, aber sonst nichts weiter gesagt. Was sollte sie auch sagen. Sie wußte, dass ich log, konnte es mir aber nicht beweisen. Oh Mist, in was für eine scheiß Situation hatte ich mich da mal wieder hineinmanövriert. Ich hab mich furchtbar geschämt und es wäre eigentlich der Zeitpunkt gewesen, endlich die Wahrheit zu sagen, aber ich habe weiter die Klappe gehalten und die Chance verstreichen lassen.

Eines Tages - ich weiß nicht mehr, wie lange ich die Kloaktion getrieben habe - saß ich in der Schule. Die letzte Schulstunde hatte begonnen, als ein furchtbarer Wolkenbruch Unmengen an Wasser auf Wesseling herabregnen ließ. Wenn ich mal nachgedacht hätte, hätte mir angesichts des vielen Wasser und der besonderen Lage unseres Häuschens - !! Hochparterre !! - schon heiß und kalt werden müssen. Ich aber war völlig unbedarft und habe an nichts Böses gedacht. Nach Schulschluss habe ich mich auf mein Rad geschwungen und bin guter Dinge nach Hause gefahren. Völlig ahnungslos habe ich die Haustür aufgeschlossen. Meine Ma kam mir schon entgegen und eh ich mich versah, hatte ich schon links und rechts zwei dicke Backpfeifen eingefangen. Bevor ich auch nur den Mund öffnen konnte um irgendwas zu sagen, sagte meine Ma, dass sie jetzt kein Wort von mir hören wolle, packte mich am Arm, schleifte mich auf den Balkon und zeigte wortlos in den Garten hinunter. Da schwammen sie! Hunderte von Kaiserkirschen auf einem See in unserem Garten, der sich um den Abfluss gebildet hatte.

Der Druck, den das viele Wasser, was oben an der Strasse in die Kanalisation geflossen ist, auf die gesamte Wassersäule in den Rohren ausgeübt hat, war so groß, dass sich der gesamte Inhalt der Kanalisation in die tiefer liegenden Gebiete ergossen hat, wenn man - wie bei uns der Fall - vergessen hatte, das Absperrventil zu schließen.
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